Haftalltag

Haftalltag

Die Ungewissheit des weiteren Schicksals, verordnete Untätigkeit, Hunger und Kälte, nächtliche Verhöre und Schlafentzug führten dazu, dass die Häftlinge die Untersuchungshaft im Gefängnis Leistikowstraße als die schlimmste Zeit ihrer Gefangenschaft empfanden.

     
Zelle im Keller der Leistikowstraße 1

Ankunft und Unterbringung

Viele Gefangene wussten bei ihrer Ankunft nicht, dass sie in der Mirbachstraße (heute Leistikowstraße) in Potsdam waren.

„Ich wusste ja überhaupt nicht, wo ich war... Und dann haben wir uns durch Klopfzeichen verständigt. Und durch die Klopfzeichen habe ich ja erst nach Wochen erfahren, dass mein Bruder auch da drinnen hockt, in dem Haus.“ (Edith Wierschin)

Sie wurden im Keller und im Erdgeschoss des Gebäudes untergebracht: bis zur Verurteilung meist in Einzelzellen, danach in sogenannten „Transportzellen“. Dort wurden die Gefangenen entsprechend ihrer späteren Haftorte zusammengefasst. Die „Transportzellen“ waren meist überfüllt.

„Wir waren so viele im Raum, dass wir wie die Heringe lagen. Wenn einer sich umdrehte, mussten alle anderen sich auch umdrehen...“ (ein ehemaliger Häftling)

Eine Gefangene, die in einer ca. 1,20m breiten und 2m langen Zelle untergebracht war, erinnert sich:

„Wir waren in dem Loch zu dritt. Luft war Mangelware. Alle Gerüche der Küche (Kohl!) haben sich bei uns gesammelt. Am Tage wurde die Luke in der Tür mal geöffnet, wenn der Posten es wollte, sonst mussten wir mit dem Gestank leben.“ (Gerda Müller)

Die Einrichtung der Zellen bestand aus einer fast den ganzen Raum einnehmenden Holzpritsche und einem Kübel für die Notdurft. Die Fenster waren verblendet; Tag und Nacht brannte grelles Licht. Bei Tage durfte nicht geschlafen werden, und nachts mussten die Gefangenen mit dem Kopf zur Lampe hin liegen, so dass sie das Licht blendete. Die Kellerzellen waren nicht beheizbar – auch im Sommer war es in diesen Zellen sehr kalt. Eine Decke oder ein Strohsack wurde, wenn überhaupt, anscheinend nur Frauen gewährt.

Die Gebäude in der Leistikowstraße

  • Tagesablauf
  • Hygiene und medizinische Versorgung

Tagesablauf

Um 6 Uhr wurden die Gefangenen geweckt und erhielten die erste Essensration. Es gab wenig und schlechtes Essen – im Wesentlichen Brot, Suppe und Brei. Die Gefangenen verhungerten – soweit bekannt – nicht, aber sie wurden auch nie satt.

Bei Tage waren die Gefangenen sich selbst überlassen. Es gab keine Möglichkeit, an die frische Luft zu kommen. Auch zu lesen gab es nichts. Die Gefangenen versuchten, ihren Tag zu strukturieren, indem sie ihr Schulwissen rekapitulierten und z.B. mathematische Gleichungen durch Einritzen an der Zellenwand lösten.

Sie hielten sich gegenseitig kurze Vorträge aus ihren Fachgebieten. Neuankömmlinge im Gefängnis wurden wissbegierig nach den letzten Nachrichten von „Draußen“ befragt.

Um 22 Uhr begann die Nachtruhe mit dem Abspielen der sowjetischen Nationalhymne, die Radio Moskau übertrug – denn nach Moskauer Zeit war es Mitternacht.

Manche Häftlinge sahen dem Antritt der Lagerhaft mit Erleichterung entgegen, wie z.B. Maria Fricker:

„Ich war eigentlich froh, dass die Tortur endlich zu Ende ist. Das Lager kannte man schon vom Erzählen, das konnte nicht so schlimm sein. Und es war auch nicht so schlimm wie die Zeit im Gefängnis, im Keller.“

Hygiene und medizinische Versorgung

Vor allem in den ersten Jahren herrschten im Untersuchungsgefängnis katastrophale hygienische Bedingungen. Körperpflege war nahezu unmöglich.

„Ohne jegliche Möglichkeit der Reinigung oder notwendiger medizinischer Versorgung vegetierten wir dahin wie Aussätzige. Krätze und Läusefraß, von Wanzen und Läusen fast aufgefressen, welche schlimme Wunden verursachten, verfaulten wir buchstäblich am lebendigen Leibe. Die Wunden eiterten im Laufe der Zeit so stark, dass uns der Eiter am Körper hinunterlief, sobald wir uns bewegten.“ (Heinz Schwollius)

Die Häftlinge mussten ihre Notdurft in den Zellen in die dafür vorgesehenen Kübel verrichten. Das Leeren der Kübel wurde in der ersten Zeit noch von den Wachen übernommen, später mussten die Häftlinge dies selbst tun.

Die Untersuchungshäftlinge trugen die ganze Zeit über die Kleidung, die sie am Tage ihrer Verhaftung anhatten. Die mit der Zeit verschlissene Kleidung hing den Gefangenen wie Lumpen vom Leibe.

Die Mehrheit der Häftlinge bekam während der Zeit ihrer Untersuchungshaft nicht ein einziges Mal einen Arzt zu sehen. Die unzureichende oder gar fehlende ärztliche Behandlung verschlimmerte bereits bestehende Krankheiten wie Leber- und Nierenerkrankungen, Tuberkulose, Typhus und Ruhr. Die geringe und zudem nährstoffarme Ernährung verursachte Zahnausfall durch Vitaminmangel (Skorbut) und einen mit schweren Mangelzuständen verbundenen drastischen Gewichtsverlust (Dystrophie).

„Das wenige zugestandene Trinkwasser war der einzige Wasservorrat und als Waschbecken diente zwangsläufig die Essschüssel. Es gab auf dem Hof eine Latrine. Die Dauer, um die Notdurft zu verrichten, war von der Laune des Postens abhängig.“ (Joachim Lange)

Von 1945 bis 1948 gab es für die Häftlinge keine Möglichkeit, sich zu waschen. Ab Ende 1948 stand ihnen ein Toiletten- und Waschtrakt im Garten zur Verfügung. Die Nutzung der Anlage hing jedoch von den Launen der Wachposten ab. Jeder Häftling wurde zumindest einmal am Tag dorthin geführt.

Der Waschraum wurde vermutlich erst 1952 eingerichtet.

     
In der Zellentür gab es eine Klappe und darüber einen Spion.
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