Workuta

Workuta

Die meisten der interviewten Häftlinge der Leistikowstraße wurden nach ihrer Verurteilung in die Sowjetunion deportiert – nach Workuta oder in die benachbarten Lagersysteme von Inta und Abes. Diese Orte gehören zur Autonomen Republik der Komi im Nordosten des europäischen Russland. Die Lager von Workuta befanden sich nördlich des Polarkreises und unterstanden der sowjetischen Lagerverwaltung GULag.

     
Das Zentrum der Stadt Workuta in den 50er Jahren
  • Lager und Stadt
  • Zwangsarbeit

Lager und Stadt

Zum Lagersystem Workutas gehörte eine Vielzahl weit voneinander entfernter Lager, die wiederum über Außenstellen verfügten. In einem solchen Gebiet befanden sich nicht nur Lager, sondern auch gewöhnliche Siedlungen.

Die Stadt Workuta wurde ab 1931 im Nordosten des europäischen Russland von Zwangsarbeitern erbaut. Sie war Zentrum einer Wirtschaftsregion, die deutlich den für die sowjetische Geschichte typischen Zusammenhang von Kolonisation unbewohnter Gebiete und Zwangsarbeit widerspiegelt.

Von hier aus wurde der europäische Norden Russlands, vor allem Leningrad, mit Kohle, Gas und Öl versorgt.

Zwangsarbeit

Die riesigen Kohlevorkommen wurden von Zwangsarbeitern in Bergwerken abgebaut. Jedem dieser Bergwerke war ein eigenes Lager zugeordnet. Diese als Lagerpunkte bezeichneten Einzellager existierten auch für den Stadt-, Straßen- und Eisenbahnbau. So vereinte das Lagersystem Workuta über 30 Lagerpunkte.

Die Kohleförderung in der Region wurde besonders wichtig, als die Deutschen 1941 das Donezbecken („Donbass“) besetzten. Zweitwichtigste Aufgabe der Zwangsarbeiter war der Bau einer 1.100 km langen Eisenbahnlinie von Workuta nach Kotlas.

Insgesamt wurden von 1929 bis 1953 ca. 2 Millionen Häftlinge nach Workuta transportiert. 180.000 starben infolge der Lebens- und Arbeitsbedingungen, 15.000 wurden erschossen.

In der Nachkriegszeit kam es in einigen Zwangsarbeitslagern der Sowjetunion zu einer Welle von Widerstandsaktionen. So gab es im September 1948 auch in einem Lagerpunkt Workutas einen Aufstand. Die Insassen eroberten die nächstgelegene Siedlung. Der Aufstand wurde aber von Fallschirmjägern niedergeschlagen.

Auch nach dem Tod Stalins 1953 rebellierten politische Häftlinge, die in einer ersten Amnestie kaum berücksichtigt worden waren. In Workuta kam es im Juli und August des Jahres in mehreren Schachtlagern zu einem großen Streik. Die Gefangenen riefen:

„Keine Freiheit – keine Kohle!“

Bei der Niederschlagung des Streiks wurden vermutlich mehrere hundert Häftlinge getötet.

1956 wurden im Lager die bis dahin bedrückenden Lebensbedingungen für die verbliebenen sowjetischen Gefangenen deutlich erleichtert. Der letzte politische Häftling verließ das Lager 1968. Einige Freigelassene mussten zwangsweise am Ort bleiben. Die ihnen ausgehändigten Dokumente erlaubten keinen Wegzug.

Noch immer gibt es in Workuta ein Arbeitslager für Schwerkriminelle, die zu 5 bis 15 Jahren Haft verurteilt sind.

Skizze mit den mehr als
30 Schächten des Lagersystems
Workuta
Skizze des Lagers von
Schacht 29

Exkurs: GULag

Die Häftlinge, die aus Potsdam in die Sowjetunion deportiert wurden, gerieten in das System sowjetischer Strafarbeitslager, den so genannten GULag. Dieser Begriff ist streng genommen nur die Abkürzung für die „Hauptverwaltung der Lager“, wird aber gewöhnlich zur Bezeichnung des gesamten Lagersystems verwendet.

Dessen Anfänge reichen bis in das Jahr 1918 zurück. In dieser Zeit sollten politische Gegner isoliert und Kriminelle durch Arbeit gebessert werden. Ab 1928 wurden die Gefangenen zum Wirtschaftsfaktor. Die Idee der Umerziehung blieb in dem beschönigenden Begriff der „Besserungsarbeitslager“ erhalten. Stalins Alleinherrschaft, der Aufbau der zentralen Planwirtschaft und die Errichtung der Lager begannen zur selben Zeit. Die Haftzeiten wurden deutlich verlängert und die Einsatzbereiche für Lagerzwangsarbeit ausgeweitet.

Die Häftlinge arbeiteten zunächst vor allem in der Holzindustrie, später auch in Bergwerken und beim Eisenbahn-, Straßen- und Kanalbau. Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft ab 1929 und Massenrepressionen 1937/38 (Großer Terror) erhöhten die Gefangenenzahlen schlagartig.

Eine weitere Einweisungswelle in die Lager setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Es kamen sowjetische Freiwillige, die auf deutscher Seite gekämpft hatten, angebliche oder tatsächliche Kollaborateure in den sowjetisch verwalteten oder okkupierten Gebieten, sowjetische Kriegsgefangene aus Deutschland, Zwangsarbeiter, die in Deutschland eingesetzt waren und „repatriierte“ russische Emigranten, deutsche Kriegsgefangene, die als Kriegsverbrecher verurteilt wurden, sowie Zivilisten aus der Sowjetunion, der DDR und anderen Ländern.

Die Zahl der Lagerinsassen, bis heute Gegenstand kontroverser Diskussionen, unterlag im Laufe der Zeit einigen Schwankungen. Anfang 1953 gab es die meisten Häftlinge im GULag.

Nach Stalins Tod wurden viele Häftlinge amnestiert und das Lagersystem stark verkleinert. Die zentrale Verwaltungsbehörde mit dem Namen „GULag“ wurde 1956 aufgelöst. Lager für politische Häftlinge existierten in Russland allerdings noch bis 1992.

  • Deutsche in Workuta
  • Lagerhaft der Sowjetbürger

Deutsche in Workuta

Etwa 20.000 deutsche Staatsbürger wurden in die Lager von Workuta gebracht. Sie waren als NS-Kriegsverbrecher oder aufgrund des Paragraphen 58 verurteilt worden.

Meist fuhren die überfüllten Züge in die Sowjetunion vom Potsdamer Bahnhof Wildpark ab.

In Workuta mussten die Deutschen vorwiegend in den Kohleschächten Zwangsarbeit verrichten. Wie im GULag-System üblich, war die Austeilung der Essensration an die Erfüllung der Arbeitsnorm gekoppelt. Die Arbeitsbedingungen in den Schächten waren zwar schlecht – oft bildeten sich Gase und es tropfte unablässig –, die Temperaturen aber erträglicher als im Lager selbst. Nach Stalins Tod besserte sich auch die Lage der deutschen Häftlinge. Sie konnten Post nach Deutschland schicken, Päckchen empfangen und deren Inhalt gegen andere lebensnotwendige Dinge eintauschen.

Die ersten deutschen Häftlinge wurden schon vor 1953, eine weitere Gruppe im Zusammenhang mit der Amnestie 1953 entlassen, die Mehrzahl dann zwei Jahre später nach der Reise des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer nach Moskau.

Lagerhaft der Sowjetbürger

Nach ihrer Verurteilung kamen die sowjetischen Soldaten, die als Häftlinge aus Potsdam in die Sowjetunion überstellt wurden, in den meisten Fällen in die Lager von Mordwinien und bei Perm im Ural. Aus den 50er Jahren ist auch die Verschickung in das Wolga-Lager im Gebiet Saratow und in das Gefängnis Brest bekannt.

Einige Gefangene haben sich in den Lagern den Protestaktionen der Dissidenten angeschlossen. Dafür wurden sie zu der im Vergleich zur Lagerhaft härteren Gefängnisstrafe verurteilt. Diese verbüßten sie im Gefängnis Wladimir östlich von Moskau.

Das standardisierte Formular zeigt, was den Gefangenen aus Deutschland geschickt werden durfte. Das Paket war sieben Monate lang unterwegs.

Information der Arbeiterwohlfahrt für Angehörige von Häftlingen

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